Podium

documenta fifteen

Wir können Kreativität nicht von unserem Alltag trennen.

André van Rueth, Studio 4oo2 und ruangrupa
25. März 2021

Ein Kontinente überspannendes, multikulturelles Team, getrennt durch zwei Zeitzonen, arbeitet an der visuellen Identität einer der wichtigsten zeitgenössischen Kunstausstellungen, der documenta fifteen – während einer Pandemie. Das klingt ebenso spannend wie anspruchsvoll. Wir haben Louisiana Wattimena, Indra Ameng und André van Rueth gefragt: Wie ging das? Und welche Rolle hat lumbung dabei gespielt? Ameng ist Teil des indonesischen Künstlerkollektivs ruangrupa, das die documenta fifteen kuratiert. Ana gehört zur indonesischen Studierendengruppe Studio 4oo2, die die visuelle Identität der Ausstellung entwickelt hat – genau wie unser Kollege André, der eng mit Ameng und Ana sowie Leon Schniewind von der documenta fifteen an diesem ganz besonderen Projekt gearbeitet hat.

Infobox

lumbung ist das indonesische Wort für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die Ernte der Gemeinde als gemeinsame Ressource gelagert wird. Das indonesische interdisziplinäre Kollektiv ruangrupa, Kuratoren der kommenden documenta, hat das Fundament der documenta fifteen auf ihren Kernwerten und Ideen aufgebaut.

Lasst uns über die kreative Zusammenarbeit sprechen.

Louisiana: Normalerweise arbeiten wir am liebsten alle zusammen in einem gemeinsamen Raum – wir lieben es, miteinander zu brainstormen. Das ist momentan natürlich nicht möglich. Hinzu kamen die unterschiedlichen Zeitzonen, Sprachen und Designansätze. Wir alle mussten uns anpassen und aufeinander einstellen. Als Studierende haben wir viel von dieser Zusammenarbeit gelernt. Beruflich mussten wir unseren Zeitplan umstellen, und Geduld, gegenseitige Wertschätzung und Aufgeschlossenheit waren dabei ausschlaggebend. Sie sind ebenso wichtig wie neue digitale Tool für die visuelle Zusammenarbeit.

André: Wir haben mit Miro gearbeitet und von Woche zu Woche die jeweilige Entwicklung der visuellen Identität und was uns daran gefällt, besprochen. Es ist ein fortlaufender Prozess, bei dem wir immer wieder den eingeschlagenen Weg hinterfragen. Wir bei Stan Hema hatten die Aufgabe, das gewünschte Design von Studio 4oo2 umzusetzen und zu prüfen, was es noch braucht und was fehlt. Wir haben gemeinsam die zentralen Designelemente, die Farben, die Typografie festgelegt. Während des gesamten Prozesses haben wir Wege gefunden, diese Kernelemente in ein System und eine visuelle Sprache umzuwandeln. Es ist natürlich eine Herausforderung, während eines solchen kreativen Prozesses nicht gemeinsam in einem Raum sein zu können, aber ich denke, wir haben das Beste daraus gemacht.

Wie würdet ihr die Teamarbeit über die Kontinente hinweg zwischen den Beteiligten in drei Worten beschreiben?

Louisiana: Lustig. Kollaborativ. Und fortschrittlich.

Ameng: Zusammenarbeit zwischen Generationen.

André: Lebendig, unbeschwert und fortschrittlich.

Ameng, lumbung spielt in deiner Arbeit eine zentrale Rolle. Wie nutzt du das Konzept, um dich inspirieren zu lassen, und wie setzt du es in deinem künstlerischen Konzept um?

Ameng: Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Kreativität nicht von unserem Alltag trennen. lumbung ist ein Konzept, das uns hilft, einen Raum zu schaffen, in dem wir uns und unser Ökosystem in jedem Aspekt unseres Seins unterstützen können. Unter den aktuellen Umständen sind das Konzept von lumbung und seine Werte der Solidarität und Kollektivität so relevant wie niemals zuvor.

André, wie profitierst du als europäischer Designer von lumbung?

André: Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Geben und Nehmen. Und das gefällt mir sehr. Der Prozess im Allgemeinen war für uns bei Stan Hema neu, da wir an einem bestehenden Design von Studio 4oo2 weitergearbeitet haben. Es war eine Herausforderung, die verinnerlichten Vorstellungen eines Designprozesses und die Methoden der Entscheidungsfindung selbst zu reflektieren und zu hinterfragen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation, Louisiana, als du gefragt hast, warum wir ein Raster für die Verwendung der Farben verwenden. Warum müssen sich die Farben an das Raster halten? Wenn man im europäischen Design ausgebildet wurde, nimmt man Dinge als selbstverständlich hin und dann beginnt man sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? Und das war sehr bereichernd für mich: dieses ständige Hinterfragen, was man verinnerlicht hat und was man hinterfragen und über Bord werfen sollte. Dadurch muss man seine Perspektive ändern, und das finde ich sehr spannend.

Wie trefft ihr eine Entscheidung, wenn ihr an einen Punkt kommt, an dem eure Meinungen auseinandergehen?

Louisiana: Wir haben verhandelt. Und manchmal haben wir abgestimmt, zum Beispiel bei der Entscheidung über eine Schriftart.

André: Ich finde, der Zeitplan spielt auch immer eine Rolle, denn irgendwann wird ein Meeting anberaumt und dann muss eine Entscheidung getroffen oder eine Präsentation gehalten werden. Aber das Interessante an der Arbeit mit dem Miro-Board ist: Wir können den Prozess verfolgen und einige Dinge für die Verwendung in der Zukunft nutzen und den vergangenen Prozess archivieren. Das ist ein tolles Konzept.

Ameng, hast du in diesem Prozess etwas über deine Kreativität gelernt?

Ameng: Ja, dieser Prozess war aufgrund unserer Arbeitsweise wirklich eine große Herausforderung. Wir üben und lernen, während wir arbeiten oder während wir diskutieren. Man muss definieren, wie man gemeinsam Zeit miteinander verbringen, Wissen teilen und den Austausch zwischen verschiedenen Parteien fördern kann. Dabei geht es nicht nur um Generationen, sondern auch um die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Denkweisen, Kontexten und Ländern. Stan Hema und André sind sehr offen, offen für experimentelle Kunst und diese neue Tools.

Gibt es einen Aspekt der visuellen Identität der documenta fifteen, der für euch besonders wichtig ist?

Ameng: Erstens soll sie durch das lumbung-Konzept inspiriert sein. Und zweitens ist sie auch eine Art organische Form, die für das Zusammenspiel mit anderen Elementen offen ist, die fluid eine starke und eine zerbrechliche Identität annehmen kann. Sie kann wachsen und exploriert werden. Sie kann sich weiterentwickeln und das war uns wichtig. Wir haben Studio 4oo2 zur Zusammenarbeit eingeladen, und zugleich mit erfahreneren Teams wie Stan Hema zusammengearbeitet, um das Design in seiner flexiblen Rohform zu bereichern. Wir legen viel Wert auf diesen Prozess des Wissensaustauschs. Es ist eine Art des Lernens. Wie wir uns entwickeln, ist wichtig. Die Arbeit an der visuellen Identität war eine Übung in praktischer Zusammenarbeit.

André: Ich mag die Kühnheit und die Aussage der Bildsprache selbst, weil sie „ungesehen“ ist. Ich hoffe, wir stärken damit das Herzstück der documenta fifteen.

Ameng: Obwohl wir visuell arbeiten, dürfen wir nicht vergessen, dass das Konzept nicht nur auf dem Ergebnis, sondern auch auf der Arbeitsweise beruht.

Ein Blick in die Zukunft: Stellt euch vor, es ist der erste Tag der documenta fifteen. Alle Arbeiten sind erledigt. Worauf freut ihr euch am meisten?

Louisiana: Natürlich sind wir sehr stolz, dass wir über die Kontinente hinweg zusammenarbeiten dürfen. Für einige von uns Studierenden ist das etwas ganz Neues. Es ist sehr interessant zu sehen, dass jeder Ideen einbringen kann, obwohl es auch Missverständnisse aufgrund der Sprache und Zeitverschiebung gab. Aber wir haben es dank André von Stan Hema und Leon von der documenta fifteen geschafft, einwandfrei zusammenzuarbeiten. Und während der Entwicklung der visuellen Identität hatten wir das Gefühl, das lumbung-Konzept in Deutschland und Indonesien gleichermaßen umzusetzen. Wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis des gemeinsamen Projekts für die documenta fifteen.

Andrè: Ich freue mich darauf, von ruangrupa und ihrem Konzept und ihrer Kuration überrascht zu werden. Ich hoffe, viele Menschen aus der ganzen Welt zu sehen. Wie sie herausgefordert werden und interessiert sind – hoffentlich auch persönlich. Das wäre toll.

Ameng: Ich würde mich auch freuen, alle persönlich treffen zu können. Wir hoffen, dass dadurch ein offener Raum voller Möglichkeiten und Kooperationen nicht nur für die documenta fifteen, sondern auch für die Zukunft entsteht.

Mehr erfahren

Erfahre mehr über das Design der documenta fifteen. Hier geht’s zum Video mit ruangrupa und Stan Hema.

ruangrupa (was frei übersetzt „Kunstraum“ bedeutet) wurde 2000 in Jakarta gegründet. Das Kollektiv nahm 2002 und 2018 an der Gwangju Biennale, 2005 an der Istanbul Biennale, 2011 an der Singapur Biennale, 2012 an der Asia Pacific Triennial of Contemporary Art in Brisbane, 2014 an der São Paulo Biennale und 2016 an der Aichi Triennale in Nagoya teil. 2016 kuratierte das Kollektiv das Sonsbeek Festival in Arnhem, Niederlande.

Studio 4oo2 ist ein junges Designkollektiv aus Jakarta.

Ansprechpartner

André van Rueth
Design
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